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Mobiliar-Feuerversicherungs-Verein Melle


130 Jahre Mobiliar-Feuerversicherungs-Verein Melle
von Rolf Wenke
Das Streben nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Gemeinschaft war ein steter Begleiter der menschlichen Entwicklung. So entstanden etwa ab Mitte des 15. Jahrhunderts im norddeutschen Raum freiwillige Zusammenschlüsse zahlreicher bäuerliche und städtische Brandgilden (später: Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit). Diese historische Selbsthilfeeinrichtungen sind in ihrer Art einmalig in Deutschland.

Die bis heute in den ländlichen Bereichen tätigen kleinen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit (VVaG) werden aus Wirtschaftlichkeitsgründen mit sehr geringem Personalaufwand, oft ehrenamtlich, geführt.
Es gelten nach wie vor die vier miteinander verflochtenen Grundsätze: Selbsthilfe - Selbstverwaltung - Selbstfinanzierung - Selbstbestimmung.
Aufgrund der Selbstfinanzierung ist der Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit auch selbstbestimmt. Er kann nicht durch Anteilseigner beeinflusst, beherrscht oder übernommen werden.
Der Grundsatz einer starken Gemeinschaft "Einer für alle - alle für einen" prägte auch die Arbeit des Mobiliar-Feuerversicherungsverein Melle seit dem Jahre 1885.
Der Einladung zur Gründungsversammlung, die auf Initiative des Landwirts Hoppenbrock (Gerden) und seiner Mitstreiter Bückendorf (Eicken), Bockelmann (Bakum), Berner (Drantum) und Huning (Dielingdorf) einberufen wurde, folgten 459 Bürger von Melle und Umgebung.
Ein Vertrag mit 32 Paragraphen sowie die erste Satzung wurde beschlossen und von allen anwesenden Personen unterzeichnet.
Damit war der Feuer-Versicherungs-Verein nach der Hannoverschen Gewerbeordnung von 1847 nach 43 Absatz 2 gegründet.
Im Paragraph 1 des Gründungsvertrages wurde der Zweck des Vereins festgelegt:
Die Mitglieder des Feuer-Versicherungs-Vereins von Einwohnern des Samtgemeinde Melle und Umgebung versprechen einem jeden von ihnen und jedem, der sonst bei ihnen versichert ist, allen Schaden, welcher demselben an seinem beweglichen Eigentum durch Brand, Blitzschlag und deren unmittelbaren Folgen entstehen möchte, pro rata zu ersetzen.
Die Gründungsmitglieder verteilten sich auf die einzelnen Ortsteile wie folgt: Eicken - 50 Mitglieder, Bruche - 12 Mitglieder, Bakum - 112 Mitglieder, Altenmelle - 42 Mitglieder, Drantum - 38 Mitglieder, Laer - 39 Mitglieder, Dielingdorf - 29 Mitglieder, Schlochtern - 20 Mitglieder, Handarpe - 28 Mitglieder, Eickholt - 17 Mitglieder, Gerden - 71 Mitglieder, Wennigsen - 1 Mitglied.
Die Aufnahme-Erklärung (Revers) eines jeden Mitglieds hatte folgenden Wortlaut:
Jeder, der Unterzeichneten, beantragt die Aufnahme in den Feuer-Versicherungs-Verein von Einwohnern der Samtgemeinde Melle und Umgegend, unterwirft sich unbedingt dem ihm bekannten Statuten des Vereins und verpflichtet sich, vom Tage der Aufnahme an zu den Verlusten und Kosten desselben nach Maßgabe der Statuten beizutragen und anerkennt ausdrücklich die den Verwaltungsorganen laut Statut erteilten Machtbefugnisse, verspricht auch, die den Mitgliedern durch die Beschlüsse der Generalversammlung besonders auferlegten Verpflichtungen getreulich zu erfüllen.
Die Feuer-Inventarversicherung bildete die Basis der Vereinsarbeit.
In seitenlagen Inventarlisten (Declaration) wurden nun alle zu versicherten Gegenstände mit Wertangabe erfasst. Es ist heute undenkbar mit welcher Gründlichkeit diese "Declarationen" erstellt wurde.
Vom Sofa und Lehnstuhl, über Zuckerdose und Kaffemühle in der Küche bis zur Zahl der Leinen-, Drell- oder Damasttücher oder vom Vieh in den Stallungen, findet sich jedes Detail in den handgeschriebenen Aufstellungen wieder.
Vor allem die Landwirte in Melle und Umgebung nutzten das Angebot der Feuerversicherung auf Gegenseitigkeit. Der technische Fortschritt in der Landwirtschaft ging deshalb an dem noch jungem Verein nicht vorbei. In ihrer Generalversammlung vom 14.Oktober 1900 sahen sich die Mitglieder deshalb veranlasst, "in Rücksicht auf die erhöhten Gefahren" die neuen Dampf-Dreschmaschinen nur gegen eine höhere Prämie zu versichern.
Steigende Versicherungssummen und die begrenzte Zahl der Schadensfälle sorgten in den Anfangsjahren dafür, dass der Verein bei günstigen Prämiensätzen wertvolle Rücklagen bilden konnte. Doch während des ersten Weltkrieges und der sich anschließenden Inflationszeit stiegen Prämien und Erstattungen der Schadensfälle ins Unermessliche. Mit der Einführung der Reichsmark im Jahre 1924 standen Vorstand und Verein plötzlich vor dem Nichts. Die Währungsreform brachte 1948 einen erneuten Zusammenbruch.
Die wiederholten Rückschläge vermochten den Vorstand nicht abschrecken. Nach langsamer Aufbauarbeit schloss der Verein 1951 einen Direktvertrag mit der Münchener Rück als weltweit größtem Rückversicher ab. Der Vertrag wurde 1968 um einen Vorwegabgabevertrag zur Teilung hoher Risiken ergänzt.
Durch diese Rückversicherungsverträge konnte der Vorstand unter Beibehaltung der vollständigen Selbstständigkeit bis heute seine Versicherungsgeschäfte fortführen.
Seine Wurzel hat der Mobiliar-Feuerversicherungs-Verein in der Landwirtschaft. Doch sein Wirkungskreis geht längst über ihre Grenzen hinaus. Denn natürlich steht die gegenseitige Hilfe allen Interessierten offen.
Das Versicherungsangebot wurde in den vergangenen Jahrzehnten der modernen Entwicklung angepasst. Neben der ursprünglichen Feuer-Inventar-Versicherung werden auch die verbundene Hausratversicherung, Glasversicherung, verbundene Wohngebäudeversicherung Elementarschadenversicherung, Einbruchdiebstahl- u. Raubversicherung, Leitungswasser- u. Sturmversicherung betrieben.
Die nötige Fachkenntnis gewährleisten regelmässige Schulungen und Fortbildungen gemäss der Richtlinien des Berufsbildungswerkes der Versicherungswirtschaft durch den Verband der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit e.V. in Kiel.
Auch die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Rückversicherung der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit e.V. in Schortens und die Mitgliedschaft im Verein zur Förderung der Versicherungs- und Finanzmathematik - Universität Oldenburg e.V geben dem Verein das nötige Rüstzeug für die Zukunft.
Ausschliesslich ehrenamtlich engagiert sich Vorstand, Aufsichtsrat und Geschäftsführung seit 130 Jahren:

Vorstandsvorsitzende
1885 - 1909: Herr August Hoppenbrock, Gerden
1910 - 1933: Herr Th. Bückendorf, Eicken
1934 - 1942: Herr Mathias Lütkemeyer, Altenmelle
1943 - 1966: Herr Heinrich Schengber, Dratum
1967 - 1971: Herr Wilhelm Linkermann, Melle
1972 - 1974: Herr Georg Harig, Dielingdorf
1975 - 1997: Herr Heinrich Wenke, Altenmelle
1997 - 2012: Herr Werner Schengber, Altenmelle
2012 -: Herr Gerhard Kleine- Böse, Melle

Geschäfsführer
1885 - 1899: Herr Bockelmann, Bakum
1900 - 1903: Herr Meyer, Bakum
1904 - 1913: Herr Hotho, Melle
1914 - 1922: Herr Karl Windhorst, Altenmelle
1923 - 1942: Herr Heinrich Siek, Melle
1943 - 1948: Herr Gustav Hotho
1948 - 1949: Herr Karl Thöle, Melle / Herr Schnell, Gerden
1949 - Juni: Herr Helmut Hotho, Melle
1949 - 1967: Herr Karl Thöle
1967 - 2006: Herr Paul Lindemann
2006 -: Herr Rolf Wenke

Aufsichtsratsvorsitzende
1885 - 1909: Herr Th. Bückendorf, Eicken
1910 - 1921: Herr August Keckefoth, Drantum
1922 - 1934: Herr August Hoppenbrock, Gerden
1935 -: Herr F. Bunnemann, Nüven
1935 - 1941: Herr K. Bückendorf, Eicken
1942 -: Herr Heinrich Schengber, Drantum
1942 - 1962: Herr Heinrich Schasse, Eicken
1963 - 1971: Herr Georg Harig, Dielingdorf
1972 - 1974: Herr Heinrich Wenke, Altenmelle
1975 - 1981: Herr Theodor Roling, Sondermühlen
1982 - 1993: Herr Wilhelm Brinkmann
1994 -: Herr Karl-Heinz Maßmann, Eicken